Pyrenäen Durchquerung

Das Land der Tausend Seen

Tag 11

Als ich die Augen öffne ist es noch dunkel und draußen nieselt es. Um ehrlich zu sein schreit das viel mehr nach einem Tag mit heißer Schokolade vor dem Kamin als nach Wandern.

Aber da weder das eine noch das andere in erreichbarer Nähe ist steigen wir stattdessen 1000 Höhenmeter bergauf. Zusammen mit dem Aufstieg löst die Sonne den Nieselregen Stück für Stück ab und mit jedem Schritt steigt unsere Laune.

Wir gelangen heute in das Land der Tausend Seen. Um jede Ecke befindet sich hier ein strahlend blauer, kristallklarer Bergsee.

Kein Wunder, dass wir genau an einem solchen unsere Pause verbringen. Gleich an der Hütte??? Dort wo es Kuchen, heiße Schokolade und ein frisches Omlett für uns gibt. „Ich möchte keinen Schritt mehr gehen“ sagt Jana kurz bevor wir einen kleinen Mittagsschlaf machen. Anschließend steigen wir über einen sehr steilen Abstieg durch Geröllfelder hinab bis zu dem nächsten…. Na kannst Du erraten wohin wir absteigen?

Zu dem nächsten See natürlich, um dem Namen auch gerecht zu werden.

Zu schade, dass es heute zu kalt zum Schwimmen ist. Zumindest für meine Verhältnisse. „Äh Jana, was ist mit deinem Schuh passiert“ rutscht es mir heraus. Der ist nämlich ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden und die Sohle löst sich bereits. Und das nach nur elf Tagen wandern, wie blöd. Wir beschließen ihn morgen mit Panzertape zu verarzten und suchen uns ein schönes Plätzchen am See als Übernächtungsplatz aus. Trotz wunderschöner See-Stimmung ist die Stimmung bei uns eher mies. Jana ist verständlicherweise ziemlich frustriert wegen ihrem Schuh und weiß nicht ob sie damit weiterwandern kann.

Tag 12

Auf einmal ist alles anders. Kennst Du das Gefühl vom 10 Meter Brett ins kalte Wasser zu springen? Wenn dich die Kälte des Wassers trotz Erwartens ganz plötzlich umhüllt und einnimmt? Das Gefühl habe ich heute, denn trotz Panzertape löst sich Janas Sohle noch mehr vom Schuh ab. Vor allem die Abstiege sind dadurch nicht nur schwierig, sondern auch echt gefährlich, da sie viel schneller wegrutscht.

Deshalb entscheidet sie sich schweren Herzens ins Tal abzusteigen und plötzlich stehe ich nach dem letzten gemeinsamen Foto alleine da. Schneller als gedacht. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals und ein paar Tränen kullern meine Wangen herunter. Obwohl ich schön öfters alleine Wandern war, fühle ich mich gerade ziemlich verloren und einsam.

Ich bin traurig, verliere mich kurze Zeit in negativen Gedanken, bevor ich die Reißleine ziehe. „Stopp! Ich bin hier mitten in einer bezaubernden Gegend, mache dabei das, was ich am liebsten tue und blase Trübsaal?“ Das kann doch nicht sein! „Ich schaffe das“ predige ich mir selbst ein und so wächst in mir das Selbstbewusstsein. Rasch bewältige ich den Aufstieg, schließlich muss ich heute die Hütte erreichen und dort einen Schlafplatz ergattern. Jana hat unser zwei Personen Zelt mitbekommen. Ohne Zelt und alleine bin ich deutlich schneller und erreiche bereits vor 17 Uhr die rustikale Berghütte. Graue Steine und rote Fensterläden lassen sie schon von weitem urig wirken, was sich aus nächster Nähe gleich bestätigt. Der Abend an der Hütte ist einsam. Nur wenige sprechen Englisch und so nutze ich die viele Zeit zum Blog Schreiben, Lesen und Nachdenken. Nun bin ich also wieder alleine unterwegs und ein neuer Abschnitt meiner Wanderung beginnt.

Tag 13

Obwohl die Hütte ausgebucht sein sollte schlafen wir zu meiner Freude nur zu viert in einem 20 Personen Schlafsaal. Die Nacht über heult der Wind um die Hütte. Auch als ich in der Morgendämmerung starte, pfeift mir der Wind entgegen, sobald ich die schwere Holztüre hinter mir zufallen lasse. Es ist noch früh. Ich bin fast alleine am Berg. Während die Sonne die Berge in ein orangenes Licht taucht steige ich fortwährend bergauf. Ich kann den Pass schon sehen und langsam macht sich ein Glücksgefühl in mir breit. „Es ist fast geschafft“ spreche ich mir Mut für die letzten Meter zu. Diese erklimme ich im Nu und das Glücksgefühl durchströmt mich jetzt vollkommen. „Es ist doch immer wieder toll“ denke ich. Dieses Gefühl alleine mit all meinem Gepäck diesen Berg raufgekraxelt zu sein kann mir keiner nehmen. Genau wie diese atemberaubende Aussicht, an der ich mich nicht satt sehen kann. Doch irgendwann ist Schluss, denn ich möchte heute noch nach Garvarnie. Desto mehr Höhenmeter ich verliere desto mehr Tourist*innen treffe ich. Bis ich schließlich in dem kleinen Ort in einer ganzen Masse von Tagesrucksackträger*innen durch die kleinen Gassen laufe. Vorbei an Zuckerwatte, Souvernirshops und Eselreitern bis zum Touristenbüro. Hier wartet ein Paket mit meinem kleinen Zelt auf mich. Und noch eine kleine Überraschung von Matthias. Ein kleines Holzherz, was mich auf meiner weiteren Wanderung begleiten wird.

Tag 14:

Fit und ausgeschlafen schließe ich mich um 9:30 Uhr den ersten Touristenscharen an, um den Berg hochzuwandern. Wie auf der Alpenüberquerung geht es im Gänsemarsch den Berg hinauf und permanent muss ich selbst oder andere für mich beiseite treten. Aber da war doch was. Desto höher ich komme…? Desto weniger Tourist*innen sind dort zu finden.

Ich beiße nochmal die Zähne zusammen für den letzten steilen Aufstieg bis zum Pass. Oben fühle ich mich ganz klein inmitten dieser uralten und gigantischen Berglandschaft. Und ihr Lieben, was soll ich sagen. Auf einen Aufstieg folgt natürlich wieder ein Abstieg. Auf dem HRP geht es gefühlt nur steil bergauf oder bergab. Etwas dazwischen gibt’s hier nicht.

Tag 15

Bis in den Abend hinein bin ich gestern noch gewandert und todmüde in mein Schlafsack gefallen. Den zwei Jungs, die neben mir gezeltet haben, ist erstmal die Kinnlade herunter gefallen als sie gehört haben, dass ich von Garvarnie heute bis hierhin gelaufen bin. Sie müssen mehrmals ungläubig nachfragen und am Ende fällt nur noch der Satz „You are a tough girl!“ Aber hallo, das bin ich wohl seit dem PCT 😀

Ich mache mich vor den beiden auf den Weg und bekomme wenig später erstmal einen gewaltigen Schreck. Beide Wasserquellen sind ausgetrocknet! Nun bin ich diejenige, der die Kinnlade herunter fällt vor Entsetzen. Schnell rechne ich nach. Noch zwei Stunden zu wandern und nur noch ein halber Liter. Das könnte klappen. Beim Aufstieg begleitet mich dennoch ein ungutes Gefühl. Ich passiere das agile Geröllfeld und muss mich bei jedem Schritt konzentrieren. „Ja nicht abrutschen“ lautet die Devise, denn ein falscher Schritt und es geht den ganzen Berg hinab. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel und meine Wasserflasche leert sich immer mehr. Nur noch ein paar Schlucke sind übrig als endlich der See in Sicht kommt. Gierig trinke ich sofort von dem kühlen Wasser, nachdem ich es gefiltert habe.

Nach diesem Vormittag gönne ich mir eine lange Pause und mache auch endlich mal wieder Yoga.

Als es weitergeht überschreite ich die Grenze, denn die nächsten Tage werde ich in Spanien unterwegs sein. Ein Umstand, der mir ein wenig Unbehagen bereitet. Denn Spanien ist mittlerweile Corona Risikogebiet und verzeichnet in den letzten Wochen steigende Zahlen. Ich hoffe wirklich ich komme hier gut und vor allem gesund durch. Gleich heute soll ich nach einem langen Abstieg in das spanische Städtchen Parzan kommen.

Um dies zu erreichen muss ich allerdings lange eine viel befahrene Autostraße entlang laufen. „Das ist lebensmüde“ murmel ich immer wieder als die Autos direkt an mir vorbeirasen. Aber ich versuche positiv zu bleiben und als die ersten Häuser in Sicht kommen jubel ich laut los. Jetzt ab ins Hostal und danach zum Einkaufen. Doch hungrig Einkaufen? Überhaupt keine gute Idee. Denn nur wenig später sitze ich inmitten unzähliger Einkaufstüten. So sind hier nun 500g Joghurt, 500g Kuchen und vier Baguettes, die heute Abend und in den nächsten Tagen verputzt werden wollen.

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4 Kommentare

  1. Ein Traum 😍 ich würde am liebsten sofort meine Wanderschuhe anziehen und mitwandern.

    1. Du bist ganz herzlich eingeladen vorbeizukommen Lisa 😊😉 Würde mich freuen wenn wir irgendwann mal gemeinsam durch die Berge ziehen 😄

  2. Robert says:

    Hallo Caro.
    Das sind ja wieder mal wunderschönen Bilder. Ich hoffe dass dir das Wetter an diesem Wochenende nicht all zu sehr zu schaffen macht denn bei uns stürmt es schon ganz ordentlich….und das soll so weitergehen bis Montag früh. Liebe Grüße und eine gute Zeit! 👍😊

    1. Hallo Robert, vielen lieben Dank 🙂 Das Wetter hat mir leider sehr zu schaffen gemacht und ich hatte in den letzten Tagen viel Schnee, Hagel und Gewitter. Aber dazu dann mehr im nächsten Blogbeitrag. LG zurück 😉

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