Pyrenäen Durchquerung

Pyrenäendurchquerung: Der Verlust der Wanderlust

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP (Haute randonnée pyrénéenne)

Tag 16

Ich breche spät auf, denn die letzten Tage stecken mir ganz schön in den Knochen. Meinen Rucksack bekomme ich fast nicht hochgehoben so schwer ist er. „Na das kann ja lustig werden heute“. Die ersten Stunden wandere ich eine Dirt Road langsam bergauf. „I walk the line“, bereits ein PCT-Klassiker, hält die Stimmung oben.

Immer wieder kommen mir Wanderer entgegen und so langsam frage ich mich wo hier die Trekkingmädels sind? Davon habe ich in den letzten Wochen leider fast keine gesehen. Gibt’s vielleicht hier unter meinen Leserinnen welche? 😉

Der letzte Teil des Tages gibt mir nochmal den Rest. In der prallen Sonne den Berg rauf laufen? Nicht besonders genial. Hinter einer Schäferhütte baue ich mein Zelt auf und Schäfer samt Schafen und Hunden gesellen sich am späten Abend zu. Die Verständigung ist leider ziemlich mau. Meine Spanischkenntnisse sind ziemlich eingerostet und Englisch spricht hier fast keiner. Spanisch aufbessern kommt also sofort auf meine To Do Liste.

Tag 17

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Ein Montag ist der erste Tag, an dem ich wirklich keine Wanderlust mehr verspüre. Nicht einmal einen Hauch. Stattdessen habe ich großes Heimweh. Während ich mich nach Familie, Freunden und meinem Zuhause sehne ist es Zack passiert. Mit einem lauten „Bumms“ lande ich im feuchten Gras. „Wow was kann diesen Tag noch schlimmer machen“ grummel ich. Nur wenig später finde ich die Antwort auf diese Frage. Ein langer, kräftezerrender Anstieg bei einer Affenhitze kann es.

Als ich mittags völlig fertig einen Campingplatz erreiche und mich stärke treffe ich auf Flowerman. Einem Wanderer aus Deutschland, den ich schon auf meinem PCT Abenteuer kennengelernt habe. Er macht die Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP genau andersrum als ich. Und bevor sich unsere Wege nach einem langen Gespräch auch schon wieder trennen, stellen wir eines fest: „Das hier ist so viel härter als der PCT“. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Aussage jemals treffe 😀 Nachdem ich noch etwas gewandert bin baue ich mein Zelt schließlich am flüsternden Bach auf. Und den ganzen Abend flüstert er mir zu: Hör auf, es reicht, tue dir das nicht weiter an.

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Aber an einem schlechten Tag aufhören? Das ist keine Option und ich glaube fest daran, dass die nächsten Tage wieder besser werden. Oder etwa nicht?

Tag 18

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Heute wird die Stimme immer lauter und die Wanderlust ist spurlos verschwunden. Stattdessen sind da nur ich und eine steile Felswand, die ich entlang klettern muss. „Was mache ich hier eigentlich?“ frage ich mich während ich mich mit meinem schweren Rucksack Stück für Stück voran taste. „Das ist doch einfach nur noch gefährlich und hat nichts mehr mit dem Wandern zu tun, was ich in den letzten Jahren kennen und lieben gelernt habe“ denke ich mir.

Auch der Abstieg raubt mir jeglichen Spaß am Wandern und erst an einem See kann ich nach einigen anspruchsvollen Stunden entspannen und durchatmen. Und natürlich auch einen kleine Runde schwimmen gehen, was der absolute Höhepunkt dieses Tages ist 😉 Vielleicht läutet das ja jetzt ein paar bessere Tage ein…

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Tag 19

Nach meiner gestrigen Talfahrt geht es heute steil bergauf. Nicht nur auf dem Trail sondern auch mit meiner Stimmung. Ich fühle mich zurückversetzt in das Land der Tausend Seen, denn auch hier wartet hinter jeder Ecke einer.

In der Sonne schimmernd laden sie förmlich zu einem Bad ein. Da kann ich gar nicht widerstehen und einer ist wirklich schöner als der andere. In drei davon werde ich heute auch reinspringen und wieder einmal das Gefühl der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit auskosten. Kristallblau sind die ersten, Smaragdgrün der letzte. An dem baue ich auch mein Zelt auf.

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP
Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Und damit bin ich nicht alleine. Zwei Franzosen schlafen auch hier und später kommt auch noch John hinzu. John habe ich bereits gestern kennengelernt. Das erste Mal wo ich ihn sah lag er mitten auf dem Boden, Füße und Arme von sich gestreckt mit einem Tuch über dem Kopf. Mit seinem winzigen Rucksack dachte ich zunächst er sei ein Tageswanderer – aber falsch gedacht 😀 Er macht doch tatsächlich auch eine Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP. Und wir verstehen uns auf Anhieb einfach ganz wunderbar.

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP

Vielleicht kennst du das? Wenn du eine fremde Person triffst mit der du gleich auf einer Wellenlänge schwimmst? Wir kennen uns gerade mal eine Stunde und können schon über so tiefe und persönliche Themen reden wie ich es nur mit wenigen Menschen kann. Vor allem unser Leben, unsere Zukunft und unsere Ziele sind heiß diskutierte Themen und ich schätze die Gespräche mit John sehr. Seine Sicht auf das Leben gleicht doch unglaublich der meinen und ich finde es unfassbar spannend mich mit ihm auszutauschen. Auch das Wandern kommt in unseren Gesprächen natürlich nicht zu kurz. Und er ist ganz begierig darauf mehr vom PCT zu erfahren. Und so erzählen und erzählen wir, während die Sonne sich langsam senkt und die Dämmerung einsetzt. Erst spät geht es für uns in die warmen Schlafsäcke.

Heute Abend bin ich wieder glücklich. Dieser Austausch hat mir gut getan und war so bereichernd als auch inspirierend, dass ich darüber einfach nur lächeln kann.

Tag 20:

Die Freude ist zurück. Und zwar mit voller Power. Denn nicht nur, dass ich einen fantastischen Abend mit anderen HRP Wandernden verbringen durften, sondern heute ist auch Halbzeit. „Wuhu – 400km sind geschafft“ das ist doch mal ein wahrer Grund zum Jubeln 😉 in meinem Gespräch mit John gestern kam eine spannende Frage auf „Was meinst du, wofür sind wir eigentlich hier? Was ist unsere Aufgabe im Leben?“ hat er mich gefragt, während ich einen Löffel heißes Kartoffelpüree in meinen Mund geschoben habe.

Auch heute begleitet mich diese Frage und ich denke ich hatte bisher ziemlich viel Glück im Leben. Und ich denke meine Aufgabe ist vielleicht anderen Menschen, denen es gerade leider nicht so gut geht, zu helfen. Genau diesen Menschen ein wenig Glück zu schenken. Deswegen nutze ich diese Wanderung auch für ein kleines Spendenprojekt. Ich möchte Geld für den Förderverein für Tumor- und Leukämiekranke Kinder e.V. Mainz sammeln. Das Geld soll in deren Ferienanlage fließen, in der die Familien kostenlos Urlaub machen können. Mach doch gerne mit und verschenke auch du ein klein wenig Glück. Sowohl ich und allen voran auch der Förderverein freuen sich über jeden Euro, der bei meiner Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP gespendet wird.

Hier findest du alle Infos wie und wo du spenden kannst.

Pyrenäen Durchquerung auf dem HRP, auch bekannt als Haute randonnee pyrenee

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8 Kommentare

  1. Grifo says:

    Hallo Caro, ich war zunächst richtig erschrocken, als ich deine ersten Abschnitte gelesen hatte. Muss ja wirklich eine harte Zeit für dich gewesen sein. Aber ich freue mich für dich, dass du deine Wanderlust wieder gefunden hast. Wünsche dir für deine weiteren Marsch durch die Pyrenäen alles, alles Gute. Und bleibe vor allem gesund. Toi, toi, toi und Grüsse, Grifo

    PS: Ich finde es toll, was du da so alles an Wanderungen hinlegst und erlebst. Auch auf Komoot. Mach‘ weiter so und bleibe aktiv!

    1. Hey Grifo, ja ich hatte ein paar sehr harte Tage. Wobei mein härtester Tag erst im nächsten Blogbeitrag dran kommt 🙈 Vielen Dank für Deine lieben und motivierenden Worte 😊 Ich bin auch froh meine Wanderlust wiedergefunden zu haben und werde auf jeden Fall weiter aktiv bleiben 😉
      LG Caro

  2. BeBe says:

    Liebe Caro, unbekannterweise: Ich bin noch nicht so beruhigt wie Grifo. Einen ganzen Monat lang war hier nichts von Dir zu lesen, und nun zögerlich Nachricht von zunächst fünf Tagen, von denen Dir einige offenbar sehr zugesetzt haben. Bang fragt man sich da doch, was an den übrigen rund 25 Tagen noch alles passiert sein mag…
    Ich hoffe sehr, daß es Dir weiter gut ergangen ist bei Deinem anspruchsvollen Projekt. Hochachtungsvolle Grüße einer biederen Ausflugswanderin, der schon nach drei Tagestouren im Sauerland die Beine wehtun…

    1. Liebe Unbekannte😉 Es tut mir wirklich Leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe aber tatsächlich hat mich auch die Schreiblust vollkommen verlassen 🙈 Und ich hatte einen ordentlichen Sturz, der dann im nächsten Blogbeitrag erst vorkommt… Vielen Dank für Deine lieben Worte und im Sauerland muß ich auch auf jeden Fall mal wandern gehen 😍
      LG Caro

  3. Jens says:

    „Das hier ist so viel härter als der PCT“, absolut!! Hätte ich auch vorher nicht gedacht. Toller Bericht, tolle Bilder, lieben Gruß

    1. Daraus schließe ich mal du bist auch schon beide Trails gewandert? 😄 Echt Wahnsinn, hätte niemals gesagt das ich mal etwas härter als den PCT finde aber da war der Weg einfach immer wunderbar ausgebaut 😅 Merci und liebe Grüße.
      Caro

  4. Hallo Caro, als ich gelesen habe, dass Du den HRP machst habe ich gleich gedacht: Wow. Welche Herausforderung. Ich bin vor zwei Jahren ein paar Tage auf dem GR10 gewandert. Das hat mich an die Grenze gebracht. Ich kann dich verstehen, wenn es Dir nach ein paar Tagen gereicht hat. Aber man muss es halt akzeptieren.
    Viele Grüße und bleib gesund.
    Dieter

    1. Hallo Dieter, vielen lieben Dank für Deine Nachricht 😊 Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass der HRP eine so riesige Herausforderung wird. Da habe ich ihn eindeutig unterschätzt 😅 Aber das ich zwischendurch mal die Wanderlust verloren habe, heißt nicht das ich aufgehört habe 😉 Wird auf jeden Fall noch spannend weitergehen.
      LG Caro

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