Deutschland

Goldsteig: Heidelbeerliebe im bayerischen Wald

Der Goldsteig verläuft über insgesamt 660km durch den Oberpfälzer- und Bayerischen Wald. Wer will kann die ganze Strecke von Marktredwitz nach Passau wandern. Dabei hast du sogar die Wahl zwischen einer flacheren Südroute und der anspruchsvolleren Nordroute. Ich habe mir allerdings nur das Herzstück des Fernwanderwegs auf der Nordroute vorgenommen.

„Bin ich schon soweit“ frage ich mich immer und immer wieder. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau. Und genau diese Ungewissheit macht mir ziemlich Angst. Die Wanderung auf dem Goldsteig ist schließlich die erste Mehrtageswanderung nach meinem Unfall. Aber wer nicht wagt der nicht gewinnt. Daher möchte ich es nun, nach drei Monaten Verletzungspause endlich wagen…

Goldsteig Karte von Komoot

Tag 1

Das geht ja schon gut los

Gestern bin ich mit dem Zug von Mainz nach Passau gefahren. Da habe ich mir kurz ein paar Highlights angeschaut, bevor es auch schon weitergeht. Zwei Busse bringen mich hoch hinauf in den bayerischen Wald. „Das sieht bissl aus wie eine Kombi aus Schwarzwald und Voralpenland“ denke ich mir als ich aus dem letzten Bus aussteige. Zu Fuß laufe ich noch das Stück bis zu dem Grundstück, wo ich heute zelten darf. Es ist ein richtig idyllisches Landhaus mit riesigem Garten.

Hier wächst allerlei Obst und Gemüse und es gibt viele Hühner, Schwäne, Gänse und anderes Federvieh. Hier würde ich direkt einziehen 😄

Rasch steht mein Zelt und ich werde von der lieben Familie mit Tee versorgt. So mache ich es mir auf meiner Isomatte gemütlich. Leider nicht lange, denn kurze Zeit später sitze ich auf dem Zeltboden. „Nein nein nein, dass sieht ganz so aus als hätte meine Isomatte ein Loch“. Im Halbdunkeln versuche ich das Loch zu finden aber Fehlanzeige. Als nichts mehr hilft gehe ich nochmal klingeln und kurzerhand darf ich im Gartenschuppen auf dem Soja schlafen. Von dort bestelle ich mir per Expressversand eine neue Matte ins nächste Dorf und hoffe nun von ganzem Herzen, dass sie pünktlich ankommt…

Tag 2

Hallo bayerischer Wald

Start: Mauth, Privatzeltplatz
Ziel: Lusen, Lusenwirt
Strecke: 21,6 km
Höhenmeter: 1090 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/483257825

„Kikiriki“ macht es schon um sechs Uhr morgens. Und wenn ich nun schonmal wach bin kann ich auch packen und loslaufen. Der heutige Wandertag wird ein richtig kurzer, genüsslicher Tag. So schlendere ich vorbei am Supermarkt und am Bäcker, wo es noch ein kleines Schmakerl für mich gibt. Weiter geht es zum Badesee, der in der strahlenden Morgensonne wunderschön glitzert. Und schließlich geht es mitten rein in den Bayerischen Wald. Ich werde umhüllt von einer Ruhe und Stille. Hier kann ich einfach richtig tief durchatmen.

Der Goldsteig führt mich durch ein kleines Moorgebiet. Neben mir rauscht der Steinbach und ich durchquere die durchweichten Wiesen auf schmalen Holzpfaden. Ich bin vollkommen allein. Mich durchströmt auf einmal eine große Dankbarkeit. Dafür das alles so gut ausgegangen ist. Dafür das ich nun schon wieder wandern kann. Darüber bin ich wirklich wahnsinnig glücklich.

Viel zu früh erreiche ich dann auch schon den Lusengipfel und „Puh ist es voll hier oben“. Kurz die Aussicht genießen und lieber Abends nochmal hoch. Schließlich schlafe ich diese Nacht nicht weit entfernt im rustikalen aber gemütlichem Lusenschutzhaus. Hier gibt es erstmal eine leckere Portion Kaspressknödel mit Kraut für mich.

Als ich spät am Abend den Lusen nochmal hochkraxle ist es sogar noch voller als Nachmittags 😮 Die wollen auch alle den Sonnenuntergang schauen. Und unter all den Menschen fühle ich mich bissl einsam und verloren. Als die Sonne sich hinter die Hügel senkt bin dennoch ich ganz hingerissen und es wird sogar noch schöner als die Abendröte kommt. Und die kann ich dann auch fast allein genießen, weil die meisten gleich nach dem Sonnenuntergang verschwunden sind…

Tag 3

Der erste Gipfel

Start: Lusen, Lusenwirt
Ziel: Klingenbrunn, Campingplatz am Nationalpark
Strecke: 22,8 km
Höhenmeter: 300 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/486610235

Als die Sonne sich früh morgens hinter den Berggipfeln hervorstreckt liege ich noch im Bett. Von hier habe ich nämlich den absoluten Premium Ausblick auf den Sonnenaufgang.

Nur wenig später schultere ich auch schon wieder meinen roten Rucksack und steige erneut hinauf zum Gipfel. Zu meiner großen Überraschung bin ich heute Morgen vollkommen alleine hier oben. Ein letztes Mal genieße ich die Aussicht auf den bayerischen Wald. Danach geht es auf dem Goldsteig die ewig lange Himmelsleiter hinab. Bei den großen Felsen muss ich besonders vorsichtig sein.

Statt noch den langen und anstrengenden Aufstieg zum Großen Rachel anzugehen, beschließe ich mich zum Rachelsee abzusteigen. „Wie sich die Waldlandschaft im See spiegelt“ staune ich. Der einstige Gletschersee ist ein herrlicher Platz für eine Pause mit knusprigem Brot, cremigem Camembert und frischem Obst.

Danach geht es rasch hinab ins Dorf. Denn hier wartet schon meine neue Isomatte bei der Post auf mich. Jetzt bin ich wieder gut ausgestattet für die Nacht. Die wird am Campingplatz direkt eingeweiht. Während ich mein Abendessen vorbereite kommen meine Zeltnachbarn vorbei. Ein freundliches Ehepaar, die trotz ihrer 88 Jahre immer noch im Zelt schlafen und wandern gehen. Da bin ich doch ziemlich beeindruckt und hoffe so geht es mir in dem Alter auch.

Tag 4

Der verflixte dritte Wandertag…

Start: Klingenbrunn, Campingplatz am Nationalpark
Ziel: Zwiesel, Campingplatz Tröppelkeller
Strecke: 18,8 km
Höhenmeter: 260 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/486875573

Heute kommt aber auch alles auf einmal. Statt den offiziellen Goldsteig zu wandern gehe ich einen Alternativweg direkt nach Zwiesel. Der Weg hat leider nicht viel zu bieten und ich bin die meiste Zeit auf breiten Forststraßen unterwegs. Die Zeit vertreibe ich mir mit singen und Hörbuch hören.

Soweit so gut aber mittags schießt dann auf einmal ein Schmerz in die Achillissehne, meines rechten Fußes. „Auaaa“ heult es durch den Wald und mir schießen die Tränen in die Augen so weh tut es. Daher mache ich Pause, dehne und massiere den Fuß und danach ist es zum Glück schon besser.

Doch die Tränen wollen nicht versiegen, denn es kommt so vieles wieder hoch. Längst vergessende Erinnerungen, schmerzende Selbstvorwürfe und schreckliche Gedanken. Das Gefühl von Verlust und Schuld ist einfach schrecklich und frisst mich in dem Moment schier auf. Aber dann beginne ich mir selbst Mitgefühl und Verständnis zu schenken und es hört langsam auf so weh zu tun.

Allerdings verlaufe ich mich auch noch und stehe plötzlich mitten im Wald und weiß nicht wirklich wohin mit mir. Ich bin ziemlich frustriert und habe gerade einfach keine Lust mehr. Doch als ich den Weg wiederfinde gewinne ich auch langsam mein Lächeln zurück.

Tag 5

Der Duft des Waldes

Start: Zwiesel, Campingplatz Tröppelkeller
Ziel: Regenhütte, Camping Heiner
Strecke: 12,6 km
Höhenmeter: 840 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/488808451

Der neue Tag beginnt früh. Noch mit Schlaf in den Augen baue ich mein Zelt ab und laufe zum Bahnhof. Diese bringt mich nach Ludwigsthal, wodurch ich mir ein langweiliges Stück Wandern durch die Stadt spare. Als ich aus der Bahn aussteige bin ich gleich mitten im Wald. Die hohen mächtigen Bäume ragen neben mir in die Höhe. Es geht stetig bergauf und ich sauge den Duft des Waldes förmlich in mir auf. Es riecht nach Kiefernadeln, nach frisch geschlagenem Holz und feuchtem Moos.

Am Großen Falkenstein ist wieder einiges los. Menschen tummeln sich rund um den Aussichtspunkt, welcher heute in dicken Nebelwolken liegt. So entscheide ich mich zeitnah den Abstieg zu beginnen. Es wird ein langer, zäher Abstieg. Ich beende mein Hörbuch „Die Macht der Geographie“ und beginne „Alles Licht was wir nicht sehen können“.

Während ich noch den Geschichten lausche treffe ich eine Rangerin und komme auch gleich mit ihr ins Gespräch. So erfahre ich, dass es sich bei den Hauptbaumarten um Fichten, Buchen und Tannen handelt. Zudem sind viele Hochmoore im bayerischen Wald zu finden. Aufgrund des damit einhergehenden sauren Boden wachsen zahlreiche Heidelbeeren in diesem Gebiet. An vielen Stellen ist der Boden aber auch mit weichem, grünen Moos überwuchert. Sogar über 40 Prozent der in Deutschland vorkommenden Moose wachsen im Nationalpark Bayerischer Wald.

Mit einigem neuem Wissen im Gepäck lege ich die letzten Kilometer auf dem Goldsteig zum Campingplatz zurück. Dort erwartet mich heute die pure Herzlichkeit. Ich treffe viele liebe Menschen, führe tolle Gespräche übers Wandern und Reisen. Abends gibt es zum Ausklang dann auch noch Gitarrenmusik und Gesang.

Tag 6

Heidelbeerliebe

Start: Regenhütte, Camping Heiner
Ziel: Chamer Hütte, Chamer Hütte
Strecke: 15,3 km
Höhenmeter: 840 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/493644605

Als ich die Augen öffne freue ich mich. Heute bin ich nicht alleine unterwegs. Richard, der meine Wandertouren schon seit einiges Zeit auf Instagram verfolgt begleitet mich heute. Falls ich auch mal in deiner Gegend unterwegs bin und du Zeit und Lust hast bist du übrigens auch immer herzlich eingeladen mit ein kleines Stück zu begleiten 😉

Heute wird wieder ein Tummeltag. Schließlich ist der Große Arber der höchste Berg im bayerischen Wald und das Goldsteig Highlight schlechthin. Und heute ist auch noch Sonntag, also noch mehr Menschen. Die treffen wir allerdings nicht beim Aufstieg, sondern erst oben an Gipfel bei der Gondelstation. Als es dann auch noch anfängt zu nieseln nimmt der Menschenstrom zum Glück etwas ab.

Trotzdem gefällt es mir auf dem kleinen Arber viel besser. Denn als wir dort den Gipfel erreichen, haben wir deutlich mehr Ruhe und einen genauso herrlichen Ausblick.

„HEIDELBEEREN“ überall viele leckere, blaue Beerchen. Hier gibt es wunderbare Heidelbeerfelder, soweit das Auge reicht. Ein wahrhaftes Paradies für mich und so nasche ich was das Zeug hält. Sogar so viel, dass meine Zunge sich schon ganz blau färbt 😀 Ich taufe diesem Abschnitt damit auf Heidelbeersteig und empfehle euch sehr im August oder September hier unterwegs zu sein.

Danach geht es zur Chamer Hütte, wo es für mich eine große Portion Käsespätzle gibt. Ich beziehe mein Zimmer auf der Hütte und um 17 Uhr verabschiedet sich die ganze Hüttencrew. So bin ich bin zusammen mit zwei anderen Gästen ganz alleine hier oben. Die perfekte Gelegenheit um noch eine Runde Yoga und meine Physiotherapie Übungen zu machen.

Tag 7

Zehn Tausender an einem Tag

Start: Chamer Hütte, Chamer Hütte
Ziel: Höfing, Privatzeltplatz
Strecke: 24,2 km
Höhenmeter: 550 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/495332564

Heute macht es mir richtig Freude. Schon als ich aufwache spüre ich die Vorfreude und ich kann es kaum erwarten loszuwandern. Zehn Tausender stehen heute auf dem Programm. An diesem Tag ist einfach alles herrlich. Die Sonne strahlt heute besonders hell, die Heidelbeeren schmecken noch süßer als die letzten Tage und ich habe die ganze Zeit ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Die Aussichten sind traumhaft und ich kann mich kaum satt sehen:

Der Goldsteig zeigt sich wirklich von seiner besten Seite. Mit jedem Gipfel komme ich meinem heutigen Ziel ein Stückchen näher. Am Ende ist es geschafft, die zehn Tausender sind bewältigt. Ich könnte platzen vor Freude und vor Stolz. Aber ich bin auch ziemlich platt und habe müde Füße. Daher bin ich ziemlich erleichtert als ich den Bauernhof erreiche bei dem ich heute zelte. Gleich neben Kühe, Schweinen und kleinen Kätzchen schlage ich mein Schlaflager auf.

Tag 8

Kletterpartie gefällig?

Start: Höfing, Privatzeltplatz
Ziel: Hohenwarth, Campingplatz Hohenwarth
Strecke: 19,8 km
Höhenmeter: 470 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/495585511

Der Goldsteig führt mich heute zunächst an gewaltigen Felsen vorbei und ich muss sogar bissl kraxeln. Dafür werde ich mit einer Wahnsinns Aussicht belohnt und mit dem tollen Gefühl, dass auch das schon wieder möglich ist.

Was mir jedoch wirklich etwas fehlt ist die Wandercommunity. Ich treffe nur sehr wenige Goldsteig Wandernde und abends auf den Campingplätzen bin ich oft das einzige Zelt. Dabei fühle ich mich manchmal ein bissl einsam und alleine. Dafür habe ich aber auch umso mehr Zeit zum Nachdenken, lesen und Sprachen lernen. Momentan übe ich mich in spanisch und französisch, um für die nächsten Touren besser gewappnet zu sein. Denn die sind schon wieder in Planung… 😉

Tag 9

Die kleinen Wunder der Natur

Start: Hohenwarth, Campingplatz Hohenwarth
Ziel: Furth im Wald, Campingplatz Einberg
Strecke: 25,3 km
Höhenmeter: 660 m
Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/496526107

Heute heißt es schon wieder Abschied nehmen. Denn es steht meine letzte Etappe auf dem Goldsteig an. Und so baue ich morgens ein letztes Mal mein Zelt ab und packe meinen großen orangenen Wanderrucksack. Ich genieße ein letztes Mal die Ruhe und Idylle im bayerischen Wald. Überall am Wegesrand entdecke ich die kleinen Wunder des Waldes. Die weißen Pilze, flauschige und zarte rosafarbene Blumen als auch feines, dunkelgrünes Moos. Dieses wird mit Wasser benetzt, denn dicke Regentropfen segeln vom Himmel. Es fühlt sich so an als wird einiges weggespült. Meine Gedanken an den Unfall, die inneren Schmerzen und Ängste.

Stattdessen verspüre einfach nur eine große Dankbarkeit. Denn kurz nach meinem Unfall, vor drei Monaten, wusste ich nicht wann ich wieder wandern gehen kann. Deshalb bin ich einfach nur unglaublich froh, dass es schon wieder möglich ist. Der Goldsteig war mein perfekter Wiedereinstieg in die Wanderlust. Und um meine eigene Frage vom Anfang zu beantworten: Ja, ich bin soweit und wieder wanderbereit 😉

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2 Kommentare

  1. So schöne Bilder! Ich war schon lange nicht mehr wandern. Dieser Blog inspiriert mich wieder öfters mal zu wandern, wo die Zeit noch da ist und die Gesundheit noch mit macht.

    Liebe Grüße Alisa

    1. Liebe Alisa,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich wahnsinnig wenn mein Blog dich zum Wandern inspiriert und ich wünsche dir noch viel Zeit für eine Menge schöner Wanderungen 😉
      LG Caro

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